DIE VERMEINTLICHE FREIHEIT DER STRASSE
Im Lied ¨Es ist still auf dem Rastplatz Krachhausen¨ besingt Gisbert zu Knyphausen die Hoffnung, durch Unterwegssein dem Alltag mit all seinen Bedrohungen entfliehen zu können. Diese macht er in der Überforderung des einzelnen in einer komplexen und streng regulierten Lebensweise aus. So ist ¨in diesem Kopf [...] kein Platz mehr¨ für die endlose Masse an Wissen, welches das Bildungsbürgertum über den Lauf der Jahrhunderte angesammelt hat, oder er hat schlicht Angst vor der Unausweichlichkeit der nächsten Telephonrechnung. Erst in der Bewegung, im ziellosen Roadtrip findet er Entspannung: ¨meine kleinen Teufel stehen still¨.
Er steht mit dieser Ansicht nicht alleine; der Drang zum Nomadenlebensstil kann man momentan vielerorts finden, nicht nur in der Musik (als bekanntes Beispiel könnte man die neueren Werke Conor Obersts anfügen, die zeigen, dass das Reisen durchaus innere Dämonen bezwingen können). Auch erfreute sich in den letzten Jahren der Roadmovie als Filmgerne grosser Beliebtheit. Deren Protagonisten werden aus ihrer gewohnten Umwelt herausgelöst und mit neuen Aussichten, darüber hinaus aber mit neuen Einsichten konfrontiert. Gleichzeitig mit dem Fahrzeug bewegt sich auch ihre persönliche Entwicklung vorwärts. Diese Vorstellung, dass Individualreisen die eigene Einstellung positiv verändern, hat dazu geführt, dass auch das eigene Umfeld und einen selbst die Sehnsucht nach scheinbar ziellosen Reisen gepackt hat. Zwei Wochen Strandurlaub gelten als spiessig; der Roadtrip durch Amerika, Trampen durch Indien oder Interrail durch Osteuropa wird zum Ausbruch aus alltäglicher Umklammerung und Freiheitsgefühl verklärt.
Wie toll solche Reisen auch immer sind, man muss sich bewusst sein, dass diese Freiheit immer nur eine relative Freiheit bleibt. Denn immer ist das Rückreisedatum bekannt, immer wartet der Job am Ende der Reise auf einen. Genauso stark wie der Drang nach der scheinbaren Freiheit ist auch das Bedürfnis nach Sicherheit, das einen zurückkehren lässt. Ganz im Gegensatz dazu steht die grosse Bewegung der Rastlosigkeit aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts: die der Beatniks. Wegweisend dafür war Jack Kerouacs Roman ¨On the Road¨ (1957), in dem das ständige Unterwegssein aus innerem und äusserem Drang beschrieben wird. Der innere Drang wird durch die Gier nach Erlebnis, durch das Elektrisiertwerden durch neue Musik (Bebop) und der Berauschung am Ausbrechen angetrieben. Von aussen zwingt die ständige Flucht vor Geldeintreibern, staatlichen Authoritäten und Schatten der Vergangenheit zum Weiterziehen. So sehr der Wunsch nach Freiheit und Ungebundenheit in den Beatniks steckt, so sehr wird sie mit einem Verlust an Sicherheit bezahlt. Eine dermassen starke Hingabe an das Ideal der Freiheit ist uns heute fremd. Zwar träumen wir von dieser Romantik und wiegen uns ein wenig in der Vorstellung an sie, sind aber nicht bereit für das völlständige Gefühl den vollen Preis zu berappen. Das ist natürlich legitim und vielleicht mag man das Pragmatismus nennen.
Gisbert ist sich dieser Ambivalenz der Gefühle durchaus bewusst: ¨gegen Fernweh hilft nur das Heimweh. [...] Dabei ist es doch das Heimweh, das mich suchen lässt¨. Er ist in einem Alltag zuhause, der ihn ängstigt und nervt, und die Ausbrüche auf Zeit helfen, mit ihm klar zu kommen, sich im Alltag ein wirkliches Zuhause zu bauen. Denn wie verlockend der totale Abbruch aus dem Alltag auch sein mag, er bleibt das, was einen geformt hat. Und am Ende – egal wohin man flüchtet – kommt die eigene Person mit ihren Befindlichkeiten immer mit. Und evenuell ist das die einzige Freiheit, nach der sich zu streben lohnt: die Freiheit, nicht mehr von seinen kleinen Teufel flüchten zu müssen.
Gisbert zu Knyphausen (2010) Hurra! Hurra! So nicht. Pias Germany.
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